Im Interview: Jan Moryson, Vize Europameister

Bereits im Alter von fünf Jahren begann Jan Moryson im OTV mit dem Taekwondo. Es war schnell die große Liebe zu diesem Sport. Nun ist er 17 und fast ganz oben angekommen: Zum ersten Mal durfte er an den Europameisterschaften teilnehmen. Wie er zum Taekwondo kam, was Poomsae eigentlich ist und warum er als erster deutscher U18-Athlet auf europäischer Ebene im Freeststyle antreten durfte, erzählt Jan alles in diesem Interview!

Hallo Jan, schön, dass du Zeit hast, uns ein paar Fragen zu beantworten! Zunächst möchte ich dir auch im Namen des Vorstands des Ohligser TV 1888 e.V. herzlich gratulieren zu deinem tollen Erfolg. Du bist nämlich Vize-Europameister geworden.

Jan Moryson zeigt Sprung

Bevor wir über dieses tolle Erlebnis sprechen, vielleicht aber doch erstmal ein paar Fragen zu deinen Anfängen. Wie und wann bist du denn überhaupt zum Taekwondo gekommen?

Jan: Mit fünf Jahren bin ich durch einen Freund zum Taekwondo gekommen. Der hat dann aber doch recht schnell aufgehört – ich bin geblieben.

In deinem Wettkampfergebnissen steht immer „Technik“ oder „Poomsae“ (sprich: pu:msä) oder „Freestyle“, manchmal auch „Paar“, was bedeutet das?

Jan: Es gibt insgesamt 17 Formen unter dem Begriff Poomsae, von denen jede aus mindestens 100 Elementen besteht. Die Abläufe muss man lernen. Beim Freestyle kreiert man eine eigene Form, bei der man sich an bestimmte vorgegebene Punkte halten muss. Zu diesen zählt unter anderem auch die Akrobatik. Diese Form wird in Begleitung zu einer Musik gelaufen, welche man sich selbst aussuchen kann. Paar wiederum bedeutet, dass ich mit einem weiblichen Partner auf Wettkämpfen die Poomsae-Formen synchron laufe. Im Team dagegen treten immer drei Sportler des gleichen Geschlechts an.

Du hast dich also spezialisiert, machst du dann gar keine Wettkämpfe „Mann gegen Mann“? Bei euch heißt das Vollkontakt?

Jan: Das ist richtig, Seitdem ich auf Formen- beziehungsweise Freestyle-Wettkämpfen starte, mache ich Vollkontakt nur noch im Training.

Seit wann startest du auf Poomsae- oder Freestyle-Wettkämpfen?

Jan: Seit 2009, da war ich 11. Gleich auf meinem ersten Poomsae-Wettkampf hat mich der Landestrainer gesehen und zum Talentkader eingeladen. Seitdem bin ich dabei und bin mittlerweile fest im Landeskader aufgenommen.

Muss man den „Paarlauf“ immer mit dem gleichen Partner laufen? Und wie findet man den geeigneten Partner für so etwas?

Ja, man wird als Paar bewertet. Für Ranglisten ist das wichtig. Wenn man den Partner wechselt, startet man wieder bei null Punkten. Beim Paar kommt es ja besonders auf die Synchronität und die Präsentation an, das muss passen. Beim Paar-Training achtet man eigentlich vor allem darauf

Wer erfolgreich sein will, muss viel trainieren. Du bist ziemlich erfolgreich. Wie viel musst du trainieren?

Jan: Drei bis vier Mal die Woche trainiere ich mindestens. Hinzu kommen noch Landes- oder Bundeskader-Lehrgänge an manchen Wochenenden.

Die unvermeidliche Frage: kriegst du das mit der Schule hin? Kommt die Schule dir entgegen?

Jan: Mit der Schule hat es bisher gut geklappt. Meine Noten sind in Ordnung, daher stellt die Schule mich auch frei, wenn ich Zeit für die Anreise zu Wettkämpfen und Lehrgängen benötige.

Was trainierst du? Hast du verschiedene Trainer?

Jan Moryson PortraitJan: Neben dem Taekwondo-Training mache ich noch etwas Krafttraining und außerdem spezielles Rückentraining, um Verletzungen vorzubeugen, außerdem gehe ich noch Laufen für die Ausdauer. Beim OTV trainiert mich Angelina Molitor. In Wuppertal steht Thomas Lettner zur Verfügung. Der Trainer beim Landeskader heißt Marcus Ketteniß (Formen-Weltmeister im Paar 2014, Anm. d. Red.) Und den Bundeskader trainiert Hado Yun. Vom Bundestrainer erhalte ich für die Zeit zwischen den Kaderlehrgängen immer einen Trainingsplan, den ich dann teilweise sogar zu Hause durchgehe.

Trainierst du für deine Vorführungen spezielle Elemente? Wir hörten, du habest extra Salto gelernt?

Jan: Zum Freestyle-Training gehören unter anderem die Choreographie, welche viel Zeit in Anspruch nimmt, und das Akrobatik-Training. Der Bundestrainer hat sich den Salto gewünscht, ich habe ihn dann mit Hilfe anderer OTV-Trainer geübt und für meine Präsentation angepasst.

Hast du überhaupt noch Zeit für Hobbys? Wie ist es mit Daddeln und Musikhören? Du machst auch noch den Führerschein!

Jan: Natürlich nehme ich mir Zeit für andere Hobbys, denn zwischendurch muss man ja auch den Kopf freikriegen.  Im Sommer fahre ich Downhill oder BMX, im Winter stelle ich mich gerne auf das Snowboard. Außerdem treffe ich mich häufig mit meinen Freunden. Mit dem PC mache ich auch gerne eigene Musik, daddeln eher weniger.

Wie oft sind die Wettkämpfe?

Jan: Die sind nicht ganz regelmäßig. Im Jahr nehme ich an so etwa drei Bundesranglistenturnieren teil, dann auch an drei Deutschen Meisterschaften. Dazu kommt auch die Landesmeisterschaft NRW. In diesem Jahr kam natürlich noch die Europameisterschaft dazu. Wichtig sind auch Teilnahmen an internationalen, sogenannten ETU-A-Class-Turnieren im Ausland. In diesem Jahr war ich auf einem solchen Turnier in Belgien.

Musst du viel reisen? Was war die weiteste Reise?

Jan: Ich bin schon viel unterwegs, da gehen einige Wochenenden drauf, mal weiter, mal weniger weit weg. Meine weiteste und bisher schönste Reise war in den Herbstferien 2014 in das Herkunftsland des Taekwondo ins Trainingslager nach Korea. Wir haben das Taekwondowon in Muju besucht und sogar mit der Weltmeisterin trainiert. Beeindruckend war auch ein Tag im Kloster, mit frühem Aufstehen und allen Zeremonien.

Hast du Zeit, dir die Städte wenigstens ein bisschen anschauen?

Jan: Bei Wettkämpfen in Deutschland sehen wir nur die Halle und das Hotel. Wenn wir aber auf Wettkämpfe ins Ausland fahren, haben wir fast immer Zeit, uns die Städte und ihre Besonderheiten anzusehen.

Wie muss man sich den Ablauf eines Wettkampfs vorstellen, gibt es eine Reihenfolge der Vorführungen? Wie lange dauert so ein Wettkampf?

Jan: Der Ablauf eines Wettkampfes ist fast immer gleich. Die Wettkampfreihenfolge wird in Altersklassen unterteilt, wobei die Kinder beziehungsweise Kadettenklassen beginnen. Danach folgen die Altersklassen bis 60+. Zum Schluss beginnen die Freestyle-Klassen. Problematisch ist nur, wenn ich in mehreren Klassen starte, dann wird es schon mal eng, etwa wenn ich nach einem Start im Team bald darauf im Freestyle starte, das ist körperlich schon sehr anstrengend. Wenn es geht, achten die Veranstalter aber darauf, dass ich genug Pausen bekomme.

Worauf achten die Wertungsrichter besonders?

Jan: Es gibt insgesamt fünf Wertungsrichter, von ihren Wertungen werden die höchste und die niedrigste gestrichen und aus den verbleibenden ergibt sich dann die Gesamtwertung. Es wird natürlich streng auf Präsentation und Technik geachtet, jeder kleine Fehler führt zu einer Abwertung, dann wird sofort ein Zehntel abgezogen.

Du hast fest einstudierte Programme. Kann man das mit einem Eiskunstläufer vergleichen?

Jan: Ja, auch die Punktegabe erfolgt ähnlich wie beim Eiskunstlauf, daher macht unser Bundestrainer häufiger Vergleiche mit dem Eiskunstlauf.

Was macht dir am meisten Spaß, gibt es einen besonderen Tritt oder eine Figur, die so dein Markenzeichen sind?

Jan: Ich übernehme häufiger akrobatische Elemente aus anderen Freestyle-Kampfsportarten, beispielsweise vom Tricking. Das ist eine Mischung aus Elementen verschiedener Kampfsportarten und aus dem Turnen, die in den USA sehr beliebt ist. Dazu gibt es viele Youtube-Videos. Es muss aber immer noch ein Taekwondo-Element eingebaut und besonders betont werden, beim Salto zum Beispiel ein kleiner Kick, den ich an der höchsten Stelle ausführe.

Im Juni warst du bei den Europameisterschaften. Musstest du dich dafür qualifizieren?

Jan: Es gibt eine Bundesrangliste, auf der man Punkte durch Platzierungen sammelt. Außerdem beobachtet der Bundestrainer potenzielle Sportler und achtet bei der Nominierung darauf, dass alle gut ins Team passen. Ich war auf der Rangliste oben mit dabei und habe damit sozusagen die Qualifikation gehabt, und der Bundestrainer hat dann entschieden, dass ich mit ins Team passe. Es reicht nicht, nur auf nationaler Ebene erfolgreich zu sein, denn auf der internationalen Ebene wird oft etwas anders bewertet. Das beachtet der Bundestrainer bei der Auswahl auch. Bisher haben auch noch nie deutsche Freestyle-Sportler aus dem Jugendbereich an einer EM teilgenommen, mit mir hat der Bundestrainer sozusagen einen ersten Versuch gemacht.

Bist du mit einer Mannschaft angereist oder wie muss man sich das vorstellen?

Jan: Ja, es gab Treffpunkte an verschiedenen Flughäfen. Wir sind von dort alle nach Belgrad geflogen und haben uns im Team dort am Flughafen getroffen. Zum Team gehörten 22 Sportler und der Trainerstab. Vom Treffpunkt ging es ins Mannschaftshotel. Dort waren auch noch andere Nationen untergebracht. Das Hotel hatte sogar Trainingsräume für uns eingerichtet, das war richtig gut. Die Mannschaft kannte sich ja schon von den Vorbereitungslehrgängen, das war sehr gut.

Wie viele Wettkämpfe oder Läufe musstest du dort absolvieren?

Jan: Einmal.

Wie – einmal?

Jan: Ich war für Freestyle gemeldet und da gab es keine Vorkämpfe oder so etwas. Jeder, der qualifiziert und von seinem nationalen Verband gemeldet worden war, nahm an der Finalrunde teil. Jeder Beitrag darf zwischen 60 und 70 Sekunden dauern, danach ist schon alles vorbei.

War das für dich ganz normal oder war es ein Unterschied gegenüber anderen Wettkämpfen? Denkt man vor dem Start sowas wie: „Oh man! Europameisterschaften“ oder ist man dann so konzentriert, dass man gar nichts mehr denkt?

Jan: Beim Wettkampf selbst war ich nicht aufgeregt. Eine Woche vorher schon mehr, ja, und beim Abflug in Deutschland, da war ich total nervös. Ich hatte das Glück, dass ich erst am zweiten Tag dran war, so konnte ich mir am ersten Wettkampftag einen ersten Überblick verschaffen. Ich musste als erster in meiner Gruppe starten, das ist immer etwas schwierig, weil die Wertungsrichter noch keinen Vergleich haben. Ich war aber nicht aufgeregt, die Atmosphäre war überwältigend und ich war voll motiviert, ich wollte möglichst schnell loslegen.

Und wie war es danach? Wurde bei der Siegerehrung die Nationalhymne gespielt?

Jan: Ich war total überwältigt. Die ganze Atmosphäre und mein Team, das ungeheuer gejubelt hat. Und mit der Wertung stand ich ganz lange auf dem ersten Platz. Es waren noch acht Starter nach mir, erst der Vorletzte wurde dann besser bewertet. Bei der Siegerehrung wurde die Nationalhymne nur für den Sieger gespielt.

Du warst jetzt gerade auf einer Studienreise mit der Schule und hast deswegen die Deutschen Meisterschaften verpasst. Was sind deine nächsten Wettkämpfe und Ziele?

Jan: Ende Oktober ist ein Bundesranglistenturnier. Mitte November reise ich dann mit dem Bundeskader nach Lissabon zu einem international besetzten Freundschaftsturnier. Das findet statt, weil die WM dieses Jahr ausfällt. Darauf freue ich mich schon sehr. Hätte die WM dieses Jahr stattgefunden, hätte ich wahrscheinlich daran teilnehmen dürfen. Nächstes Jahr wird das wieder viel schwerer, weil ich dann 18 werde und nicht mehr im Jugendbereich starten darf. Dann wird die Konkurrenz noch einmal viel größer.

Werden wir dich bald bei Olympia sehen?

Jan: Nein, leider nicht: Poomsae ist nicht olympisch, nur Vollkontakt.

Vielen Dank, Jan, für diesen interessanten Einblick in die Taekwondo-Welt des Vize-Europameisters! Wir wünschen dir für die nächsten Wettkämpfe alles Gute und viel Erfolg und freuen uns auf viele schöne Nachrichten von dir.

 

Die Trainerin: Angelina Molitor
Angelina Molitor und Jan MorysonIm Alter von ziemlich genau 11 Jahren hat Angelina Molitor selbst mit Taekwondo begonnen. Bereits mit 16 unterstützte sie den damaligen Trainer. Die erste Lizenz folgte 1999, da war Angelina gerade 17. Die erste eigene Gruppe übernahm sie mit 18, mit 20 trainierte sie bereits sämtliche Kindergruppen der Taekwondo-Abteilung – sie war an vier Abenden in der Woche in der Halle anzutreffen.
„Jan hat sozusagen seine ‚ersten‘ Taekwondoschritte bei mir erlernt“, sagt sie heute rückblickend, zurecht ist sie stolz darauf. Bis heute nimmt sie eine wichtige Position in Jans Werdegang ein, auch wenn er inzwischen schon ganz gut alleine laufen kann. Dabei begann alles ganz klein und mit dem Fokus auf dem Breitensport. Die jungen Sportler besuchten nur wenige kleine Turniere, präsentierten ihr Können hier und da durch eine Vorführung und führten regelmäßige Trainingslager durch.
Im November 2009 besuchten die OTV-Taekwondoka ihr erstes großes Formenturnier. Prompt wurde Jan dort gesichtet. Das gab der Nachfrage innerhalb des Vereins großen Auftrieb und die Angebote für leistungsorientiertes Training wurden neben den Breitensportangeboten ausgeweitet.
Für die Zukunft wünscht sich Angelina Molitor, dass die Sportler, die schon ähnlich lange dabei sind wie Jan, weiter ihren Weg im Taekwondo-Sport gehen, sei es auf Turnieren, als Nachwuchstrainer oder einfach als Breitensportler, die Spaß an der Sache haben. „Wir brauchen engagierte junge Menschen, die die neue Taekwondo-Generation durch eigene Leistungen oder Trainerfähigkeiten für den Sport begeistern können und Vorbild sind“, sagt die 33-Jährige. Und der OTV kann dankbar sein für Trainer wie Angelina, engagiert, begeistert, mitreißend.


Das Gespräch führte Ulrich Knoch
Fotos von Ruth Höller